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Kraft- und Mutmachwort Juli: Aufmerksamkeit

  • infolebensereignis
  • vor 1 Tag
  • 4 Min. Lesezeit

– die seltene Kunst, wirklich da zu sein




Hast du gewusst: Eine berühmte Zen-Geschichte lautet, "wenn du sitzt, stehst du schon, wenn du stehst, läufst du schon und wenn du läufst, bist du schon am Ziel."


Sie beschreibt mit treffenden Worten unsere Lebenshaltung. Denn wie oft sind wir im Alltag schon beim nächsten Schritt, während der gegenwärtige Moment noch gar nicht wirklich angekommen ist? Wir hören zu, während wir gleichzeitig unsere Antwort vorbereiten. Wir schauen, ohne wirklich wahrzunehmen. Wir sind anwesend – und doch manchmal nicht ganz da. Ich glaube davon können wir alle erzählen.




Wir leben in einer Zeit, in der Aufmerksamkeit zu einer wertvollen Ressource geworden ist. Nachrichten, E-Mails, soziale Medien und digitale Impulse begleiten uns durch den Tag. Vieles davon bereichert unser Leben und verbindet uns miteinander. Gleichzeitig kann es passieren, dass wir durch die vielen Eindrücke das übersehen, was unmittelbar vor uns liegt.


Mein Kraft- und Mutmachwort für den Juli lautet deshalb: aufmerksam.


Aufmerksam sein bedeutet für mich, bewusst wahrzunehmen: den Moment, die Menschen um uns herum und auch unsere eigenen Gedanken und Gefühle. Es bedeutet, nicht nur durch den Tag zu eilen, sondern innezuhalten und zu fragen:

Was passiert gerade wirklich?

Was möchte gesehen werden?


Vielleicht wird Aufmerksamkeit manchmal mit Achtsamkeit verwechselt. Beide Begriffe haben eine Verbindung, doch sie tragen unterschiedliche Nuancen.

Achtsamkeit wird heute häufig mit Meditation, innerer Einkehr und spirituellen Wegen verbunden. Sie lädt dazu ein, die eigene Innenwelt bewusster wahrzunehmen.


Aufmerksamkeit ist geerdeter und richtet den Blick stärker auf die Begegnung mit dem Leben selbst: auf Menschen, Situationen und die Zeichen, die uns im Alltag begegnen.

Sie fragt:

Wem schenke ich meine Zeit?

Was verdient meine Energie?

Wo bin ich wirklich ganz da?


Gerade in unserer digitalen Welt ist diese Frage aktueller denn je. Unsere Aufmerksamkeit ist wertvoll. Sie ist eine Form der Wertschätzung – für andere und für uns selbst. Die entscheidende Frage ist deshalb nicht nur:

„Womit beschäftige ich mich?“


Sondern:

„Wem und was schenke ich meine Aufmerksamkeit?“


Eine liebe Freundin hat mir den Podcast „Unter Pfarrerstöchtern“ empfohlen. Nachdem die beiden Pfarrerstöchter sich in einer ersten Podcastreihe über die Bibel ausgetauscht haben, widmen sie sich aktuell „unseren verrückten Heiligen“. *


Beim Hören der aktuellsten Folge über die Philosophin Simone Weil musste ich besonders über ihre Gedanken zur Aufmerksamkeit nachdenken.

Für Simone Weil war Aufmerksamkeit ein zutiefst philosophischer Begriff. Sie verstand sie als eine Form der Offenheit: einem Menschen oder einer Sache zu begegnen, ohne sofort unsere eigenen Vorstellungen darüberlegen.

Wir halten inne und lassen zu, dass etwas oder jemand anderes wirklich zu uns sprechen kann.


Dieser Gedanke berührt mich besonders, weil auch meine Arbeit mit Menschen genau damit beginnt: mit Zuhören, mit Wahrnehmen und mit dem Versuch, einen Menschen in seiner Einzigartigkeit zu sehen und zu hören.


Besonders wichtig war Simone Weil die Aufmerksamkeit gegenüber dem Leid anderer Menschen. Nicht vorschnell helfen, erklären oder urteilen – sondern zunächst wirklich sehen, hinsehen.

In dieser Haltung liegt eine besondere Form der Menschlichkeit: Der andere wird nicht zum Objekt unserer Gedanken, sondern bleibt ein Gegenüber mit eigener Würde, sind ihre Worte.


Vielleicht ist genau diese Art von Aufmerksamkeit heute eine der schwierigsten Übungen. Sie verlangt nicht mehr Informationen, sondern weniger Ablenkung. Nicht mehr Meinung, sondern mehr Wahrnehmung. Nicht schneller reagieren, sondern tiefer verstehen.


Aufmerksamkeit wird so zu einer stillen Form der Verbundenheit – mit anderen Menschen, mit der Welt und vielleicht auch mit uns selbst.


Vor kurzem durfte ich mit einem jungen Paar ihre Hochzeitsfeier gestalten. Ein solcher Tag ist voller Begegnungen, Worte und Emotionen. Menschen kommen zusammen, um innezuhalten und einen gemeinsamen Weg zu würdigen.

Was mich dabei einmal mehr berührt hat: Wie viel Aufmerksamkeit in solchen Augenblicken liegt.

Ein Blick zwischen zwei Menschen. Eine liebevolle Geste. Erinnerungen, die geteilt werden. Worte, die genau im richtigen Moment ausgesprochen werden. Es sind all diese kleinen Zeichen, die diesem besonderen Tag seine Tiefe geben.


Eine Hochzeit zeigt uns, was im Alltag leicht verloren geht: Wenn wir einem Menschen wirklich unsere Aufmerksamkeit schenken, entsteht Ver - bindung.


Und vielleicht sind es genau diese Momente, die uns daran erinnern, was Aufmerksamkeit bedeutet.

Nicht immer geht es darum, etwas Aussergewöhnliches zu tun. Manchmal geht es darum, einfach da zu sein – aufmerksam da zu sein.


Mich lädt der Juli dazu ein, kleine Momente der Präsenz neu zu entdecken:

Ich sehe, was ist.

Ich höre zu, bevor ich antworte.

Ich schenke meine Aufmerksamkeit dem, was für mich wirklich zählt.


Denn manchmal beginnt Veränderung nicht mit einem grossen Schritt nach vorne. Manchmal beginnt sie mit einem bewussten Blick auf das, was bereits da ist.


Und wie ist es mit dir?



TIPP:

* Der ZEIT-Podcast „Unter Pfarrerstöchtern“ geht mit einer neuen Reihe weiter: In „Unter Pfarrerstöchtern – unsere verrückten Heiligen“ erzählen die Schwestern Sabine Rückert, ZEIT-Redakteurin, und Johanna Haberer, Theologin, die Geschichten ihrer sehr persönlichen Heiligen. Es geht um Menschen, die neue Dimensionen eröffnen, einen anderen Blick auf die Gesellschaft haben und die Verhältnisse nicht einfach hinnehmen. Herkömmliche Kirchenheilige sind es nicht. In jeder Folge stellt jeweils eine der beiden Schwestern der anderen einen Heiligen vor.


 
 
 

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© 2024 Lebensereignisse, Cornelia Haller

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